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Was Eltern tun können

 

„Sie müssen als Eltern nicht perfekt sein – nur gut genug.“

Donald Winnicott, englischer Kinderpsychiater (1896–1971)

 

Die Förderung beginnt in der Familie

Für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern spielt die Familie eine entscheidende Rolle, und zwar sowohl für die geistige als auch für die soziale und emotionale Entwicklung des Kindes. Neben biologischen Gemeinsamkeiten, die eine Familie aufweist, üben die Kontakte und Beziehungen der Familienmitglieder zueinander einen starken gegenseitigen Einfluss aus. Schon von Geburt an sind Unterschiede bei den Kindern beobachtbar – nicht nur körperliche, sondern auch psychische, die sich in bestimmten Verhaltensweisen äußern (z. B. Aufmerksamkeit, Interesse für Dinge und Personen) oder Merkmalen wie Temperamentseigenarten (z. B. aktiv, wach, lebhaft oder schläfrig, langsam, ruhig). Eltern, zumal wenn sie mehrere Kinder haben, erkennen diese Unterschiede und stellen sich meist automatisch darauf ein. Sie orientieren sich mehr oder weniger an den unterschiedlichen Eigenarten und Bedürfnissen, zum Beispiel den Unterschieden im Schlaf- oder Essverhalten der Säuglinge. Beispielsweise kann es sein, dass ein Säugling im Kinderwagen oder im Bett nichts sehen kann und daher vor „Langeweile“ schreit. Eltern reagieren dann angemessen auf dieses Verhalten, wenn sie das Kind hochnehmen, weil dies zu einer Änderung der Umwelt von einer langweiligen zu einer interessanteren Umgebung für das Kind führt.

Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass Kind und Eltern sich wechselseitig beeinflussen. Kinder haben bestimmte Bedürfnisse und Eigenarten, die wiederum bestimmte Verhaltensweisen der Eltern hervorrufen. Eltern haben bestimmte Antwortmöglichkeiten und Verhaltenseigenarten, die auf die Kinder einwirken. (…)

So wird verständlich, dass hochbegabte Kinder von den Eltern andere Reaktionen erfordern können als durchschnittlich begabte Kinder. Jedoch gilt für alle Familien – und daher sind viele der folgenden Vorschläge an alle Eltern und Kinder gerichtet –, dass Sensibilität, eine liebeund vertrauensvolle Beziehung, Sicherheit und Geborgenheit bei angemessenen Anforderungen das Kind in seiner gesamten Persönlichkeit optimal fördern. Als ein sehr wichtiges Merkmal einer guten Eltern/Kind-Beziehung stellt sich immer wieder das Interesse der Eltern am Kind heraus.

Dem Kind einen Platz in der Familie einzuräumen, wo es mitentscheiden, mitdiskutieren, Anregungen aufnehmen, geben und fordern kann, ist für die Entwicklung all seiner Fähigkeiten wichtig. Ein Gleichgewicht von Freiheit (so weit wie möglich) und Lenkung (so weit wie nötig) ist – so wie für alle Kinder – auch für begabte Kinder eine notwendige Voraussetzung für eine positive Persönlichkeitsentwicklung.

 

Begabungen erkennen

Häufig sind es die Eltern, die besondere Begabungen und Fähigkeiten ihrer Kinder entdecken. Dennoch sind Eltern oft unsicher. Sie befürchten, als zu ehrgeizig zu erscheinen oder ihre Kinder zu überschätzen. Am ehesten erkennen Eltern die besonderen Fähigkeiten und deren Entwicklung, wenn Geschwister miteinander verglichen werden können – obwohl es häufig so ist, dass besonders begabte Kinder auch besonders begabte Geschwister haben.

Um eine besonders hohe intellektuelle Begabung bei einem Kind relativ eindeutig und verlässlich feststellen zu können, muss das Kind jedoch ein gewisses Alter und einen bestimmten Entwicklungsstand erreicht haben. So geht man heute davon aus, dass die in einem Test gemessene Intelligenz erst ab etwa einem Alter von 5 Jahren einigermaßen stabil bleibt. Bei jüngeren Kindern lässt sich die Intelligenz zum einen nur sehr viel schlechter messen und zum anderen kann es noch zu deutlichen Verschiebungen kommen, sodass man etwa bei Babys und Kleinkindern aus beobachteten Besonderheiten im Verhalten keine zuverlässigen Schlüsse auf die spätere Intelligenz und intellektuelle Begabung ziehen kann (…).

Eine Klärung der elterlichen Vermutungen durch eine psychologische Untersuchung und Beratung noch vor der Einschulung kann – insbesondere bei Verunsicherung der Eltern – hilfreich und daher empfehlenswert sein. Im Rahmen einer psychologischen Beratung können Eltern, neben der Abklärung der Ausprägung der Begabung, Informationen über Fördermöglichkeiten erhalten, Tipps und Ratschläge für den Umgang mit ihrem Kind bekommen und sich bei besonderen Schwierigkeiten unterstützen lassen. Eine Beratung hilft, eigene Unsicherheiten abzubauen, zum Beispiel darüber, das Kind nicht optimal fördern und unterstützen zu können, oder darüber, was altersgemäßes Verhalten ist und wie Abweichungen davon einzuordnen sind. Weiter kann eine Beratung auch dazu beitragen, zwischen Elternhaus und Schule oder Kindergarten zu vermitteln. Auch wenn ein Kind sich nicht als außergewöhnlich begabt erweist, kann eine sachkundige Beratung über die Förderung seiner speziellen Fähigkeiten eine wichtige Stütze und Hilfe für Eltern sein.

Die Begabung eines Kindes kann man nur erkennen, wenn das Kind die Gelegenheit hat, seine Begabung auch zu zeigen. In den musischen und sportlichen Bereichen ist es jedem einsichtig, dass Mozart ohne Klavier und Noten kein herausragender Komponist und Steffi Graf ohne Ball und Schläger kein Tennis-Ass geworden wäre. Beide haben übrigens mit dem intensiven Training ihrer Fähigkeiten im Vorschulalter begonnen!

Es gibt Instrumente und Mittel, mit denen intellektuell besonders begabte Kinder ihre Fähigkeiten zeigen können. Das sind Sprache und Umgang mit abstrakten Symbolen wie Buchstaben und Zahlen, deren regelhafte Ordnung, Muster und Gesetzmäßigkeiten Hochbegabte sehr früh erkennen.

Interessen anregen

Bieten Sie Ihrem Kind möglichst vielfältiges Spielzeug, mit dem nicht nur eine bestimmte Tätigkeit ausgeübt werden kann, sondern das die Fantasie anregt und verschiedenste Variationsmöglichkeiten zulässt. In diesem Sinne gute Spielzeuge sind etwa Bauspielzeug, Gesellschaftsspiele und Bücher, Puppen, Tiere, Autos und Figuren mit verschiedenem Zubehör. Letztere kann ihr Kind auf den verschiedenen Altersstufen immer wieder auf unterschiedliche Weise verwenden – beispielsweise für Rollenspiele und das Durchspielen ausführlicher Szenen. Papier und Malsachen, mit denen verschwenderisch umgegangen werden kann, sind ebenso wichtig wie Kartons, Korken, Schnur und anderes Verpackungsmaterial, mit dem es sich hervorragend bauen, basteln und spielen lässt.

Lenken Sie die Neugier Ihres Kindes nur vorsichtig und erklären Sie alles möglichst ausführlich und korrekt. Überlassen Sie dem Kind auch ausgediente Haushaltsgegen-stände, die es auseinandernehmen und untersuchen kann. Regen Sie es dazu an, die alten Sachen „umzufunktionieren“ und für neue Bastelarbeiten zu verwenden.

Regen Sie Ihr Kind zu Spielen und Bastelarbeiten an, aber überlassen Sie die Initiative ihm. Unterstützen Sie seine Interessen, greifen Sie sie auf, aber überhäufen Sie Ihr Kind nicht mit immer neuen Ideen, Anregungen oder auch Spielzeug. Ein Kind braucht auch Zeit und Ruhe, um alle Möglichkeiten eines Spielzeugs, eines Spiels oder einer Tätigkeit auszuprobieren. Wenn Sie sein Spielverhalten gut beobachten, merken Sie, wann das Kind etwas Neues, anderes, Anspruchsvolleres braucht. Auch Fünf- und Sechsjährige können übrigens oft schon komplizierte Kartenspiele oder Schach erlernen.

Auf jeder Altersstufe sind vor allem auch die Gespräche mit den Eltern, Großeltern und anderen Erwachsenen die Quellen, aus denen die Kinder Anregungen schöpfen und eine Unterstützung ihrer Interessen erhalten. Sie müssen viele Fragen stellen können und angemessene Antworten bekommen. Daneben bieten natürlich auch Bücher, Zeitungen, CDs, Filme, Reisen, der Computer und das Internet sowie Besuche von Museen und Theatervorstellungen vielfältige Impulse und Informationen. Auch das Fernsehen bietet Anregungen: z. B. Sendungen über Themen aus der Geschichte, Biologie oder aus den Naturwissenschaften. Aber auch Mathematik- oder Sprachkurse können gerade für ältere Kinder sehr informativ und interessant sein.

Ihre Angebote und Anregungen sollten sich nach den Bedürfnissen und Interessen des Kindes richten. Die gleiche elterliche Aktion kann fördernd oder schädigend wirken, je nachdem, ob sie eine Antwort auf ein Bedürfnis des Kindes oder eine aufgezwungene Fördermaßnahme ist. Da Kinder sich stetig entwickeln, ist es selbstverständlich, dass sich auch ihre Interessen verändern. Greifen Sie die neuen Interessen auf und zeigen Sie Ihre Freude darüber, wenn Ihr Kind bestimmten Fragen und Dingen ganz besonders auf den Grund geht.

 

Lesen, Schreiben und Rechnen lernen schon vor der Schule?

Viele hochbegabte Kinder interessieren sich bereits lange vor der Einschulung für Buchstaben und Zahlen und die Möglichkeiten, die sie bieten. Will ein Kind schon im Kindergartenalter lesen und schreiben lernen, reagieren viele Erwachsene erst einmal besorgt und ablehnend, weil sie meinen, diese Themen gehörten in die Schule und es könnte dem Kind schaden, sich schon vor der Schule damit zu „belasten“. Einige Erwachsene befürchten auch, das Kind würde sich später in der Schule langweilen, wenn es bereits lesen kann und/oder schon die ersten Rechenoperationen schon beherrscht.

Zwar kann es tatsächlich passieren, dass sich Ihr Kind dann in der ersten Klasse langweilt, aber das ist aufgrund des generell erhöhten Lerntempos besonders begabter Kinder ohnehin wahrscheinlich – und es wäre sehr schade, das intensive Interesse und die große Motivation eines Kindergartenkindes an dieser Stelle abzublocken.

Für die spätere Freude am schulischen Arbeiten, das zunächst vor allem aus dem Lernen von Schreiben, Lesen und Rechnen besteht, kann es sogar ausgesprochen hinderlich sein, das Kind auf die Schule zu vertrösten. Einige hochbegabte Kinder verlieren die Lust am Lesenund Schreibenlernen, wenn sie damit warten müssen, bis die Schule beginnt – viele sind dann in der ersten Klasse frustriert, weil es ihnen zu langsam vorangeht. Wie in anderen Lebensbereichen entwickeln sich auch hier Kinder in unterschiedlichem Tempo: Ebenso wie nicht alle Kinder im selben Lebensmonat ein Interesse am Laufenlernen entwickeln und schließlich allein laufen können, so entwickeln sich eben auch intellektuelle Interessen und Fähigkeiten bei jedem Kind in einer etwas anderen Geschwindigkeit und zu etwas unterschiedlichen Zeitpunkten.

Es gibt auch kein Naturgesetz, welches besagt, dass Kinder erst mit Vollendung des sechsten Lebensjahres mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen beginnen können. Dies kann man auch daran erkennen, dass in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Epochen jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten begonnen wird bzw. wurde, Kindern diese Kulturtechniken beizubringen. Man weiß aus der Forschung, dass die meisten Kinder dazu in der Lage sind, bereits einige Zeit vor der Einschulung Lesen zu lernen, wenn sie dabei angemessen unterstützt werden. Gerade für sehr aufgeweckte und interessierte Kinder kann die Fähigkeit, selbst lesen zu können, sehr vorteilhaft sein: Eigenständiges Lesen ermöglicht Ihrem Kind einen großen Schritt in Richtung Selbstständigkeit, denn es ist nun nicht mehr darauf angewiesen, alles Interessante von Erwachsenen vorgelesen zu bekommen.

Wenn es also Interesse daran zeigt, gibt es keinen Grund, darauf zu verzichten, Ihr Kind bei seinen ersten Leseversuchen zu unterstützen und mit ihm auf spielerische Art und Weise das Lesen, Schreiben und/oder Rechnen zu üben. Meist machen Vorschulkinder deutlich schnellere Fortschritte beim Lesen als beim Schreiben, da das Schreiben große Anforderungen an die Feinmotorik stellt. Die Hauptsache sollte jedoch stets sein, die Freude an diesen Aktivitäten zu vermitteln. Nicht der Lernfortschritt und Wissenserwerb sollten im Vordergrund stehen, sondern die Förderung der Freude an spezifischer intellektueller Betätigung. Bringen Sie dem Kind nur so viel bei, wie es im Moment wissen will, und antworten Sie nur auf die Fragen, die es Ihnen stellt. Das Kind sollte das Lerntempo bestimmen.

Lassen Sie sich daher auch nicht durch wohlgemeinte Ratschläge anderer irritieren, die ein frühes Lesen und Rechnen für schädlich halten, weil sich das Kind dann später in der Schule langweilen würde. Es wird sich in der Schule vermutlich sowieso immer mal wieder langweilen, weil das Lerntempo für sehr begabte Kinder in den meisten Fällen zu langsam ist. Wenn bei Ihrem Kind in der ersten Klasse Enttäuschung oder Frustration über die Lernangebote auftritt, suchen Sie gemeinsam mit der Lehrerin oder dem Lehrer nach geeigneten Wegen, wie Ihr Kind in der Schule dennoch seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert werden kann. Es gibt in der Grundschule verschiedene Möglichkeiten, ein Kind zu fördern, das viele Unterrichtsinhalte schon beherrscht. Eine Möglichkeit kann auch sein, Ihr Kind vorzeitig einzuschulen, wenn es bereits großes Interesse an der Schule zeigt und die entsprechenden Fähigkeiten für das Lernen und Arbeiten in der Schule mitbringt (…).

Abschließend noch einige Tipps zum Umgang mit dem Interesse Ihres Kindes an Buchstaben und Zahlen:

* Wenn sich Ihr Kind schon im Kindergartenalter intensiv für Buchstaben interessiert, sind Magnetbuchstaben eine gute Idee. Hiermit kann das Kind bereits erste Wörter legen, auch wenn ihm das Schreiben von Buchstaben motorisch noch nicht so gut gelingt.

* Beziehen Sie die Lese- und Rechenversuche auf natürliche Weise in den Alltag ein, wenn

es, wie beim Einkaufen oder beim Gang durch die Stadt, etwas zu lesen oder zu rechnen gibt.

* Hören Sie den Leseversuchen Ihres Kindes aufmerksam zu. Korrigieren Sie es, denn was es macht, sollte es richtig machen.

* Nehmen Sie das Kind mit in die Bücherei und lassen Sie es selbst Bücher aussuchen. Helfen Sie ihm, Bücher aus verschiedenen Wissensgebieten und mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden auszuwählen.

* Lesen Sie Ihrem Kind, wenn es möchte, auch dann noch weiter vor, wenn es selbst schon lesen kann. Sorgen Sie durch Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten dafür, dass das Kind eine eigene „Bibliothek“ aufbaut, in der auch Nachschlagewerke (es gibt eine große Zahl guter Kinderlexika) enthalten sind.

 

Der Umgang mit Fernseher und Computer in der Familie

Der Fernseher gehört zu unserer heutigen Welt. Sie können die Kinder kaum davon fernhalten, zumal wenn Sie selbst häufig fernsehen. Es ist jedoch wichtig, dass Sie wissen, was sich Ihr Kind anschaut und ob es die gesehenen Inhalte verarbeiten kann. Wenn Sie Ihrem Kind statt des Fernsehens das Vorlesen oder Erzählen einer interessanten Geschichte oder ein gemeinsames Spiel vorschlagen, erhöht sich die Chance, dass das Fernsehen in seiner Bedeutung relativiert wird (weitere Tipps zum Umgang mit dem Fernsehen in der Familie finden Sie in der Broschüre „Geflimmer im Zimmer“, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [BMFSJ]; die Broschüre kann beim BMFSJ in 11018 Berlin bestellt werden; Internet: www.bmfsfj.de) .

Ebenso wie der Fernseher ist der Computer in Schule, Beruf und Freizeit inzwischen ein fester Gebrauchsgegenstand in unserem Alltag. Kinder, gerade auch die begabten Kinder, sind oft fasziniert von der Flexibilität und Vielseitigkeit von Computern. Zunehmend wird in den Grundschulen der Computer als Arbeitsmittel eingesetzt, der Umgang mit dem Computer somit möglichst allen Kindern – Jungen wie Mädchen – vermittelt. Inzwischen beginnen aber auch viele Kinder schon im Kindergartenalter mit einfachen Spielen am Computer. So stellt sich meist nicht die Frage, ob ein Computer für das Kind sinnvoll ist, sondern wann es beginnen sollte, sich mit dem Computer zu beschäftigen, und wofür es den Computer nutzt. Die Zeit, die ein Kind am Computer verbringt, kann von sehr unterschiedlicher Dauer sein, was in der Familie jeweils zu erörtern ist. Es kommt vor allem darauf an, was das Kind mit dem Computer macht: Durch Denk-, Geschicklichkeits-, Strategie- und Simulationsspiele wird es geistig herausgefordert, es kann viele Dinge lernen – wie unter anderem auch bei Schreib, Mal- oder Sprachprogrammen. Viele Computerspiele lassen sich übrigens auch mit einem Freund, einer Freundin oder den Eltern zusammen spielen, sodass die Beschäftigung mit dem Computer nicht unbedingt eine einsame Angelegenheit sein muss.

Das Internet bietet sich für hochbegabte Kinder als Informationsquelle und zum Kontakteknüpfen an. Chatrooms (also Internetadressen, wo hochbegabte Kinder und Jugendliche international miteinander kommunizieren können), Spiele, Denktests, Kursangebote (z. B. Sprach- oder Computerkurse), Literatur und Informationen über verschiedenste Inhalte sind nur einige der Möglichkeiten, die das Internet bietet. Die Befürchtung, das Kind werde durch das große Wissensangebot des Internets überfordert, ist meist eher nicht gerechtfertigt – wenn ein Kind wirklich überfordert ist, zeigt es dieses deutlich. Es hört von allein auf zu fragen und beschäftigt sich mit anderen Dingen.

Ebenso wie beim Fernsehen sind jedoch viele Inhalte, die über das Internet verfügbar sind, nicht kindgerecht. Sie sollten als Eltern ein Auge auf das haben, was Ihr Kind sich ansieht und welche persönlichen Informationen es über sich selbst weitergibt. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seine Erlebnisse im World Wide Web. Eine Möglichkeit für einen gewissen Schutz jüngerer Kinder vor nicht kindgerechten Seiten ist die Verwendung spezieller Filter (Informationen hierzu finden Sie z. B. unter www.klicksafe.de) .

Diese Filterprogramme sollen bestimmte Internetseiten automatisch herausfiltern, sodass Ihr Kind keinen Zugriff darauf hat. Solche Filterprogramme bieten aufgrund der Größe und schnellen Veränderung des Internets jedoch keine 100prozentige Sicherheit vor nicht kindgerechten Seiten. Immer wieder werden problematische Seiten nicht als solche erkannt, oder Seiten, die für Kinder geeignet sind, werden gesperrt. Zudem werden ältere und computererfahrene Kinder bald herausgefunden haben, wie sich das Programm knacken lässt. Für jüngere Kinder und Internetneulinge bietet sich an, eine gut gestaltete Kinderseite oder Kindersuchmaschine als Startseite einzurichten (z. B. die Suchmaschinen www.blinde-kuh.de und www.fragfinn.de, die u. a. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert werden). Viele wertvolle Informationen zum Umgang mit dem Internet in der Familie finden sich in den beiden kostenlosen Broschüren, jeweils eine für Eltern und Kinder, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend „Ein Netz für Kinder – Surfen ohne Risiko?“ (…).

 

Begabungen fördern, nicht hemmen

Viele Eltern sind zunächst verunsichert und ratlos, wenn sie entdecken oder erfahren, dass ihr Kind eine besonders hohe intellektuelle Begabung besitzt. Sie empfinden dies als belastend, weil sie damit eine vermeintlich größere Verantwortung tragen und nicht wissen, ob und wie sie dem Kind gerecht werden können. Wie oben schon gesagt, das Wichtigste für die kindliche Entwicklung ist eine angemessene, den Bedürfnissen und Fähigkeiten des jeweiligen Kindes entsprechende Umwelt. Auch Kinder, die einen klugen Kopf haben, benötigen Personen, die sie verstehen – sowohl mit dem Verstand als auch mit dem Herzen.

Um den Wissensdurst zu stillen, ist bei kleineren Kindern die korrekte und ausführliche Beantwortung aller Fragen ein wichtiger Punkt. Dabei schadet es nichts, wenn Sie zugeben, dass Sie etwas nicht genau wissen. Ein Nachschlagewerk, eine Suche im Internet oder das Befragen anderer Personen in Familie und Freundeskreis kann die Frage dann klären helfen. Auch ältere Kinder stellen viele Fragen, um deren Beantwortung Sie sich immer bemühen sollten. Daran erkennt das Kind, dass Sie es ernst nehmen und sich wirklich um es kümmern. Dennoch muss auch das Kind akzeptieren lernen, dass Sie nicht zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit eine längere Diskussion mit ihm führen können. Sagen Sie ihm freundlich, aber bestimmt, dass ein Gespräch jetzt nicht möglich sei, dass Sie aber zu einem bestimmten Zeitpunkt, den Sie dann auch einhalten sollten, diese Frage mit ihm klären werden.

Ein möglicher Zeitpunkt dafür kann die „Privatzeit“ sein, in der ein Elternteil mit dem Kind regelmäßig (pro Tag oder, wenn das nicht möglich ist, an einigen Tagen in der Woche) zehn ungestörte Minuten (!) verbringt. Vielen Eltern erscheinen zehn Minuten als sehr wenig Zeit. Wichtiger jedoch als die Dauer der „Privatzeit“ ist die Regelmäßigkeit, mit der sie stattfindet. Bei der „Privatzeit“ gibt es ein paar Regeln zu beachten:

  1. Das Kind entscheidet, was in den zehn Minuten gemacht wird. So lernt es, dass es Zeiten gibt, in denen es selber bestimmt, und dass es Zeiten gibt, in denen andere wie die Eltern, Geschwister oder die Schule bestimmen, was gemacht wird.
  1. Was auch immer das Kind vorschlägt, solange niemand gefährdet wird, gehen Sie darauf ein. Sie dürfen Fragen stellen, aber keine Vorschläge machen. Wenn Ihrem Kind heute nichts einfällt oder es einfach nur fernsehen möchte, morgen oder übermorgen wird es genauer spüren, was es von Ihnen sonst noch braucht.
  1. Die Privatzeit ist wirkungsvoller, wenn sie nicht zur Zubettgehzeit stattfindet. Sie sollte daher tagsüber stattfinden.
  1. Die Regelmäßigkeit ist oberstes Gebot. Sie schafft Vertrauen und Sicherheit. Zeiten sammeln gilt nicht.

Weitere Tipps, wie Sie Ihr Kind unterstützen und fördern können, sind:

* Ermutigen Sie das Kind in jeglicher Hinsicht dabei, seine Interessen so weit wie möglich zu verwirklichen. Achten Sie darauf, das rechte Maß zu finden. Dabei sollten die Neigungen des Kindes ausschlaggebend sein.

* Helfen Sie dem Kind, seine eigenen Stärken und Schwächen herauszufinden und zu akzeptieren. Ermuntern Sie es dazu, mit seinen Fähigkeiten selbstbewusst umzugehen. Sagen Sie ihm, dass es nichts Außergewöhnliches ist, bei bestimmten Begabungen der oder die Beste in der Klasse zu sein.

* Stellen Sie realistische Erwartungen und Anforderungen, die das Kind beflügeln. Setzen Sie das Ziel nicht zu hoch, damit es nicht den Mut verliert, aber auch nicht zu niedrig, weil es sich sonst nicht ernst genommen fühlt (s. „Kriterien für ‚gute‘ Zielsetzungen“).

 

Kriterien für „gute“ Zielsetzungen

  1. Das Ziel sollte für Ihr Kind wichtig und bedeutsam sein.
  1. Beschreiben Sie mit Ihrem Kind zusammen das Ziel so konkret wie möglich, am besten als Verhalten.
  1. Beschreiben Sie das Ziel so klein wie möglich, aber so groß wie nötig.
  1. Formulieren Sie das Ziel positiv, also als Anwesenheit von etwas, nicht als Abwesenheit.
  1. Formulieren Sie das Ziel und sein Erreichen als einen Prozess; das heißt, das Ziel sollte eher den Anfang als das Ende des Weges beschreiben.
  1. Das Ziel sollte in der Lebenssituation des Kindes realistisch und erreichbar sein.

Ein Beispiel: Peter äußert sich in der Pause häufig abwertend über Pauls Kleidung. Paul lässt sich davon leicht provozieren, und die Auseinandersetzung endet häufig in Raufereien. Paul leidet zunehmend unter diesem Konflikt und möchte, dass das aufhört. Als Ziel könnten Paul und seine Eltern nun formulieren: „Ich will mich in der Pause nicht mehr von Peter ärgern und provozieren lassen.“ Nur wie soll er das machen? Also überlegen Paul und seine Eltern gemeinsam ein Ziel nach den oben genannten Kriterien, das für Paul leichter zu erreichen ist als „sich nicht mehr ärgern zu lassen“. Die überlegen sich Folgendes: „Ich will das nächste Mal, wenn Peter in der Pause etwas zu meiner Kleidung sagt und ich mich darüber ärgere, erst einmal im Kopf bis zehn zählen, bevor ich darauf reagiere.“

* Planen Sie Unternehmungen, die die Hobbys und Interessen des Kindes bereichern und ergänzen, zum Beispiel Besuche von historischen Stätten oder Museen. Nutzen Sie dabei auch die Angebote der verschiedenen Vereine und Selbsthilfegruppen für Familien mit hochbegabten Kindern, die für Kinder oft interessante Kurse, Wochenend- und Ferienprogramme organisieren.

* Ermuntern Sie das Kind zu Eigenständigkeit und Selbstbestimmung, ohne die Zügel dabei aus der Hand gleiten zu lassen. Auch intelligente Kinder brauchen eine behutsame Führung, klare Regeln und Richtlinien.

* Verbote und Einschränkungen lassen sich bei der Erziehung nicht umgehen. Vermeiden Sie aber willkürliche Entscheidungen. Insbesondere Verbote sollten immer sinnvoll und gut begründet sein – zumal Hochbegabte logische Unstimmigkeiten sofort aufspüren.

* Vermeiden Sie möglichst alles, was die Begeisterung Ihres Kindes ersticken, seine Kreativität unterdrücken und damit die Entfaltung seiner Begabung hemmen könnte. Die Freude an einer Aufgabe wird leicht getrübt durch ständiges Unterbrechen oder Nörgeln, durch eine reservierte oder abwertende Haltung gegenüber den Aktivitäten des Kindes oder durch Strafen mit dem Verbot von Dingen, die das Kind besonders gerne tut – etwa nach dem Motto: „Wenn du nicht aufräumst, darfst du nicht an den Computer.“

* Bieten Sie Ihrem Kind auch ausreichend Gelegenheit, sich sportlich oder musisch zu betätigen, wenn es daran Interesse zeigt. Dies ist ein guter Ausgleich zur stark ausgeprägten Denkarbeit, zu der intellektuell hochbegabte Kinder häufig bereits im frühen Lebensalter neigen. Auch bietet es Ihrem Kind die Möglichkeit, weitere Interessen und Begabungen in sich zu entdecken.

Gelegentlich werden Sie sich selbst überfordert fühlen, vor allem dann, wenn Ihr Kind sehr lebhaft und aktiv ist und Sie als hauptsächliche Bezugsperson insbesondere im Vorschulalter fast pausenlos beansprucht. Scheuen Sie sich nicht, auch Ihre eigenen Bedürfnisse nach Ruhe, Lesen, Privatzeit usw. dem Kind gegenüber deutlich auszudrücken. Machen Sie feste Zeiten aus, in denen das Kind Sie nicht stören soll, und kümmern Sie sich danach wieder intensiver um es. Seien Sie konsequent, halten Sie diese Verabredungen ein und reagieren Sie nicht auf die Versuche, Sie doch herumzukriegen. Die Gefahr, „aufgefressen“ zu werden, ist bei Kindern, die über viele intellektuelle Möglichkeiten und Tricks verfügen, recht groß. Holen Sie sich Verstärkung. Großeltern, Verwandte, ältere Geschwister – alle können hervorragende Gesprächspartner für Ihr Kind sein. Ein weiterer Weg, sich zusätzlich Unterstützung als Eltern zu organisieren, besteht in dem Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern, die ebenfalls hochbegabte Kinder haben (siehe unter „Selbsthilfe“ in diesem Kapitel).

 

Eltern sind Vorbilder

Kinder lernen vieles modellhaft. Obwohl sie manche Dinge der Erwachsenen ablehnen, übernehmen sie doch mehr von ihnen, als allen Beteiligten bewusst ist. Um ein positives Vorbild zu geben, leben Sie darum nicht nur für Ihr Kind, sondern im selben Maße auch für sich selbst!

Die Eltern sind zentrales Rollenmodell bei der erfolgreichen Umsetzung einer Begabung in Leistung. Es ist für ein Kind wichtig zu erleben, dass die Eltern ihre eigenen Fähigkeiten einsetzen und anwenden. Lassen Sie das Kind an Ihren Aktivitäten teilhaben. Gerade hochbegabte Mädchen erleben in einer positiven Einstellung der Mutter zum Beispiel zur Mathematik, zu Computern, Naturwissenschaften und zur Technik eine wichtige Unterstützung und Förderung eigener mathematischer oder technischer Interessen.

Versuchen Sie Ihre eigenen Interessen lebendig zu halten und teilen Sie diese mit Ihrem Kind. Bemühen Sie sich, verlässlich, konsequent, gerecht und offen für Neues zu sein.

 

Emotionale Herausforderungen

Auch hochbegabte Kinder sind in erster Linie Kinder, deren Welt nicht nur aus Denken und Problemlösen besteht. Gefühle, Mitfühlen und Miterleben mit anderen sind für sie genauso wichtig wie für alle Kinder. Im Großen und Ganzen unterscheiden sie sich hier nicht von anderen Kindern. In manchen Fällen können aber die besonderen intellektuellen Fähigkeiten auch eine besondere Herausforderung für Ihr Kind darstellen.

So haben etwa ein herausragendes Gedächtnis und eine scharfe Beobachtungsund Kombinationsgabe nicht nur positive Seiten. Wenn ein Kind eher ängstlich ist, können sich diese Fähigkeiten dahin gehend auswirken, dass es sich alle möglichen schwierigen Situationen schon lange vorher denkt und die Welt dadurch für es manchmal sehr bedrohlich wirkt. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seine Ängste und helfen Sie ihm dabei, mit diesen Gefühlen besser zurechtzukommen und möglicherweise übertriebene Sorgen und Befürchtungen abzubauen.

Wenn ein Kind häufig durch eine schnelle Auffassungsgabe, hervorragende schulische Leistungen und insgesamt ein Verhalten beeindruckt, das man sonst nur von älteren Kindern gewöhnt ist, kann das dazu führen, diese Verhaltensweisen bei dem Kind mit der Zeit als selbstverständlich vorauszusetzen und immer wieder einzufordern. Auch das Kind selbst kann durch frühe Erfolge sehr hohe Erwartungen an sich selbst stellen. Sowohl die eigenen als auch die Erwartungen anderer können von manchen Kindern als ein sehr starker Druck erlebt werden. Bleiben die eigenen Leistungen einmal hinter diesen Erwartungen zurück, empfinden sich manche Kinder schnell als Versager und reagieren entweder mit noch größerer Anstrengung oder sie resignieren.

Freuen Sie sich über die Erfolge und Fähigkeiten Ihres Kindes und sagen Sie ihm, wenn Sie stolz auf es sind. Machen Sie ihm aber immer auch deutlich, dass Sie es um seiner selbst wegen lieben und schätzen – und hohe intellektuelle Fähigkeiten zwar sehr nützliche und bisweilen angenehme Eigenschaften sind, aber nicht den Wert eines Menschen ausmachen.

Behalten Sie, trotz der beeindruckenden Denkfähigkeiten Ihres Kindes, immer auch seine anderen, nicht intellektuellen Stärken und liebenswerten Eigenschaften im Blick und bestärken Sie Ihr Kind auch darin. Achten Sie bei aller Förderung auch darauf, Ihrem Kind genug Freiräume zu lassen, in denen der Intellekt nicht im Mittelpunkt steht. Gönnen Sie Ihrem Kind auch unbeschwerte Stunden der Muße, des Spiels und der Entspannung, in denen es nur scheinbar nichts lernt. In der Familie sollte genügend Zeit auch für vergnügliche Spiele und Aktivitäten bleiben, die kein bestimmtes Lernziel haben.

Eine gute Möglichkeit, das Wohlbefinden und Selbstwertgefühl Ihres Kindes zu stärken, ist die „Positivliste“. Viele Eltern lesen ihrem Kind zum Einschlafen eine Gute-Nacht-Ge-schichte vor oder reden über die Probleme des Tages. Streichen Sie die Problemge-spräche zur Schlafenszeit, führen Sie diese stattdessen tagsüber und ersetzen Sie die Abendgeschichte mehrmals pro Woche – oder sooft Ihr Kind es wünscht – durch ein Gespräch mit Ihrem Kind über:

* die Situationen, Ereignisse, Begegnungen des heutigen Tages, die für Ihr Kind gefühlsmäßig gut und angenehm waren,

* die Situationen in der Schule oder zu Hause oder unter Gleichaltrigen, die Ihr Kind erfolgreich gelöst hat,

* die neuen Wissensinhalte, die es erfahren hat,

* die Leistungen, Ideen (etc.), auf die Ihr Kind stolz ist.

Durch die Positivliste schläft Ihr Kind mit guten Gefühlen im Rückblick auf den Tag ein. Anfangs werden einige Kinder vielleicht nicht einmal einen einzigen positiven Aspekt finden. Geben Sie dann bitte nicht auf, machen Sie Ihrem Kind keine Vorschläge für gute Ereignisse und versuchen Sie auch nicht, es zu überreden. Bleiben Sie geduldig und gehen Sie durch Nachfragen die Tage und Wochen so lange zurück, bis Ihr Kind ein gutes Gefühl gefunden hat. Bitten Sie dann Ihr Kind, am nächsten Tag darauf zu achten, wann es sich wohlfühlt.

 

Geschwister

In einer Familie sind oft nicht alle Kinder hochbegabt. Einzelkinder und Erstgeborene – vor allem Jungen – fallen häufiger als hochbegabt auf, weil sie stärker die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich ziehen und viele Eltern hier offener für die Möglichkeit einer besonderen Begabung sind. Die jüngeren Geschwister – hier vor allem die Mädchen – werden leichter unterschätzt. Am schwierigsten scheint es, die Hochbegabung bei Kindern in der mittleren Geschwisterposition zu entdecken und zu fördern, da sie oft weder besondere Aufmerksamkeit erhalten noch solche Leistungsanforderungen an sie gestellt werden wie an die Erstgeborenen. Sie genießen häufig auch nicht die Zuwendung und Fürsorge, die den Jüngsten meist entgegengebracht wird, und fühlen sich leicht etwas vernachlässigt und zu kurz gekommen. Ihnen sollte daher, genau wie den Mädchen, besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Um die Beziehungen der Geschwister untereinander so positiv wie möglich zu gestalten, sollten Sie direkte Leistungsvergleiche vermeiden. Suchen Sie bei jedem Kind die Stärken und heben Sie durch gezielte Förderung – auch im Sport oder in den musischen Fächern – eher die Stärken und Besonderheiten jedes Kindes hervor.

 

Wer berät und hilft Eltern?

Wie wir sehen, kann der Umgang mit hochbegabten Kindern durchaus anstrengend und nicht immer einfach sein. Selbstbestimmung und Eigenwille können bei ihnen schon frühzeitig sehr ausgeprägt sein. Damit stellt sich die Frage, wer Eltern berät und ihnen bei Fragen und Problemen mit ihren hochbegabten Kindern hilft. Es gibt verschiedene Möglichkeiten für Eltern, sich Rat zu holen: Dazu gehören vor allem Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und die Ratgeberliteratur (…).

So wie sich Eltern gegenseitig stärken, können auch Kinder einander anregen. Bringen Sie Ihr Kind mit ähnlich Begabten zusammen, das tut vielen besonders begabten Kindern sehr gut. In einer solchen Gruppe können Kinder ihre Interessen und ihre Art des Denkens und Begreifens mit anderen teilen. Die Forschung zeigt, dass Hochbegabte keine einheitliche Gruppe sind. Sie gleichen einander weder in ihrem Lernstil oder Lernverhalten, in ihrer Kreativität, in ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit noch in ihrer Persönlichkeit oder in ihrem Sozialverhalten. Dennoch zeigen sich als positive Effekte des Zusammenbringens begabter Kinder bei Schülerakademien, in Spezialklassen oder kursen oder bei Wettbewerben, dass sich die Kinder stark für eine Sache einsetzen und hoch motiviert sind. Meistens ist das Klima bei solchen Veranstaltungen sehr gut, die Kinder geben überwiegend positive Rückmeldung und werden in ihrer sozialen Entwicklung unterstützt.

 

Professionelle Hilfe

Solange das Kind klein ist, sind es üblicherweise neben den Großeltern und anderen Verwandten (die oft auch ungebetene Ratschläge erteilen) die Kinderärzte und ärztinnen, die bei Problemen gefragt werden. Manchmal – so berichten Eltern – fällt den Kinderärzten auf, wenn ein Kind geistig besonders weit entwickelt ist, aber meist sind sie doch eher mit der körperlichen Entwicklung und entsprechenden Störungen befasst. Für eine Beratung zur psychischen oder intellektuellen Entwicklung sollten daher kompetente psychologische Einrichtungen aufgesucht werden.

Eine erste Anlaufstelle bei Kindern im Schulalter kann hier der Schulpsychologische Dienst in Ihrer Stadt sein, bei jüngeren Kindern können Sie einen Termin in einer Erziehungs-beratungsstelle vereinbaren. Viele Beraterinnen und Berater in diesen Einrichtungen sind inzwischen für besondere Situationen, die bei hochbegabten Kindern und ihren Familien auftreten können, sensibilisiert. Generell sollten psychologisch ausgebildete Beraterinnen und Berater – auch ohne bestimmte Erfahrungen mit hochbegabten Kindern – ein offenes Ohr für Ihre besondere Situation, Ihre Fragen und Anliegen haben und sich selbst weitere Informationen besorgen, wenn das nötig ist. Leider ist das trotzdem nicht immer der Fall, und es kann passieren, dass eine Beraterin oder ein Berater mit Unverständnis, Vorurteilen oder Hilflosigkeit auf Ihre Situation reagiert. In diesem Fall sollten Sie auf jeden Fall weitersuchen, bis Sie eine Beratung gefunden haben, die Ihnen wirklich weiterhilft. In verschiedenen größeren Städten – oft angegliedert an Universitäten – gibt es inzwischen auch Beratungsstellen, die auf die Beratung von Eltern hochbegabter Kinder spezialisiert sind (…).

 

Selbsthilfe

Wahrscheinlich werden auch Sie gelegentlich Neid und Anfeindungen aus der Umwelt spüren, wenn das Gespräch auf die Begabung Ihrer Kinder kommt. Lassen Sie sich nicht beirren! Versuchen Sie, andere Eltern kennenzulernen, die sich in einer ähnlichen Situation wie Sie befinden. Es gibt verschiedene Selbsthilfeeinrichtungen von und für Eltern hochbegabter Kinder, so zum Beispiel die Regionalverbände der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). Einige Vereine sind überregional tätig und bekannt (…). Es gibt jedoch auch etliche weniger bekannte regional arbeitende Elterngruppen. In der Regel organisieren diese Vereine auch Aktivitäten für die hochbegabten Kinder, zum Beispiel in Form von Nachmittagsoder Wochenendkursen oder Ferienprogrammen. Vielleicht versuchen Sie, über das Internet mehr darüber zu erfahren. Und falls es in Ihrer Nähe keine solche Elterninitiative gibt – warum suchen Sie sich nicht über eine Kleinanzeige oder Ähnliches Gleichgesinnte und gründen selbst eine?

Sie werden im Gespräch mit anderen Eltern hochbegabter Kinder feststellen, dass Sie mit Ihren Problemen, die für Ihre Freunde und Freundinnen und Bekannten möglicherweise außergewöhnlich und unnormal sind, nicht allein dastehen. Für viele Eltern ist diese Erkenntnis eine große Erleichterung. Auch Eltern brauchen Zuspruch und Aufmunterung und können gegenseitig von den Erfahrungen profitieren.

 

Ratgeberliteratur

Ratgeber können Eltern helfen, einen ersten Zugang zum Thema Hochbegabung zu bekommen. In den letzten Jahren ist eine Vielzahl an Büchern zum Thema Hochbegabung erschienen. Die Qualität der Bücher ist jedoch sehr unterschiedlich, und leider sind viele im Buchhandel erhältliche Elternratgeber zu allgemein und stützen sich auf Erkenntnisse, die veraltet sind oder als widerlegt gelten. Da für jede Familie, gerade wenn Probleme auftauchen, sehr spezielle Bedingungen zu beachten sind, können Ratgeber eine persönliche und individuelle Beratung nicht ersetzen. Auch diese Broschüre kann nur ein erster Anstoß dazu sein, Ihr Kind besser zu verstehen.

 

Eltern als Partner von Kindergarten und Schule

In Deutschland besuchen die meisten Kinder einen Kindergarten. Eltern ist es zu Recht wichtig, dass Kinder vor der Einschulung mit anderen Kindern zusammenkommen und lernen, verschiedenen Kindern in der Gruppe und neuen erwachsenen Bezugspersonen sowie den verschiedensten Anforderungen in spielerischer Weise zu begegnen. Dem Kindergarten kommt eine wichtige Aufgabe bei der Entwicklung von sozialen, motivationalen, emotionalen und kognitiven Verhaltensweisen und Fähigkeiten zu. Dabei spielt die positive Zuwendung eine bestimmte Rolle: Das Kind sollte im Mittelpunkt stehen, seine Unternehmungen sollten gefördert werden. Eltern machen dabei häufig die

Erfahrung, dass die Unterschiede zwischen Kindergärten und Erzieherinnen oder Erziehern sehr groß sind, da es keinen einheitlichen Lehrplan für Kindergärten gibt.

Bei manchen Hochbegabten treten erste Unterforderungsprobleme bereits im Kindergarten auf, da die kognitiven Anforderungen des Kindergartens den Bedürfnissen hochbegabter Kinder allzu häufig nicht gerecht werden. Zudem erschweren der häufig stärker ausgeprägte Drang nach Selbststeuerung und andere Interessen manchmal eine unkomplizierte Eingliederung in die Kindergruppe. Resignative oder aggressive Reaktionen eines Kindes können dann darauf hindeuten, dass es nicht angenommen wird und zu wenig Verständnis und Unterstützung erfährt. Manche Erzieherin oder mancher Erzieher hegt immer noch Vorurteile gegenüber Kindern, die den Gleichaltrigen intellektuell weit voraus sind.

 

Einschulung

Die Wahl des Einschulungszeitpunktes ist eine folgenreiche Entscheidung (…). Im Hinblick auf die geistige und schulische Förderung empfiehlt es sich häufig, hochbegabte Kinder eher schon mit fünfeinhalb als mit sechseinhalb Jahren einzuschulen, da ihr Vorsprung in kognitiven Leistungen sonst noch größer wird. Lassen Sie sich nicht von dem Argument abschrecken, das Kind sei noch so klein und zierlich. Ihr Kind wird auch mit sieben Jahren noch zierlich sein, nur dann gehört es zu den älteren Kindern und ist in der Schule heillos unterfordert.

Nach einer vorzeitigen Einschulung wird Ihr Kind während seiner gesamten Schullaufbahn wahrscheinlich immer das jüngste Kind der Klasse sein. Die Erfahrung sowie die wissenschaftliche Forschung zeigen, dass das für die meisten Kinder kein Problem darstellt. Zu bestimmten Zeitpunkten kann es in manchen Fällen jedoch zu Schwierigkeiten kommen, zum Beispiel in der Pubertät, wenn die körperliche Entwicklung rasch voranschreitet und das jüngste Kind der Klasse wahrscheinlich zu denen gehören wird, die sich am spätesten zu einem Jugendlichen entwickeln. Manche Kinder – insbesondere Jungen – leiden darunter, ein Spätentwickler zu sein und in ihrer körperlichen Entwicklung den Klassenkameraden hinterherzuhinken. Bedenken Sie jedoch, dass sich auch die regulär eingeschulten Kinder einer Klasse in recht unterschiedlichem Tempo körperlich entwickeln. Zum Zeitpunkt der Einschulung können Sie aber noch nicht wissen, ob Ihr Kind körperlich eher ein Frühoder Spätentwickler sein wird.

Sie sollten als Eltern Ihr Kind genau beobachten und abwägen, ob es vielleicht besser für das Kind wäre, wenn es vorzeitig in die Schule darf, zumal wenn es dies unbedingt selbst möchte, es sich brennend auf die Schule freut und ältere Freundinnen oder Freunde hat, mit denen es gemeinsam eingeschult werden kann. Erfahrungsgemäß ist für viele hochbegabte Kinder ein weiteres Jahr im Kindergarten nicht sehr interessant. Sie langweilen sich, da die älteren Kinder bereits eingeschult sind, und werden lustlos und unausgeglichen. Eine weitere Überlegung:

Ihr Kind spart durch die vorzeitige Einschulung ein Jahr ein, das es später zum Beispiel dazu nutzen kann, vor dem Abitur ein Jahr im Ausland zu verbringen (solche Schüleraustauschprogramme in Länder auf der ganzen Welt werden von verschiedenen Organisationen durchgeführt, die in der Regel auch Volloder Teilstipendien vergeben, wenn die Familie die Reise und den Aufenthalt des Jugendlichen nicht aus eigener Tasche bezahlen kann).

Beobachten Sie Ihr Kind in den ersten Schulwochen genau und lassen Sie es von der Schule erzählen. Es hängt sowohl von der Klasse und deren Leistungsniveau als auch von der Lehrerin oder dem Lehrer sowie der Art des Unterrichts ab, ob Ihr Kind sich in der Schule wohlfühlt. Bei länger andauernden Anzeichen von Angst und Unglücklichsein sollten Sie mit der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer sprechen. Eine psychologische Beratung bei einem Schulpsychologen oder einem auf diesem Gebiet erfahrenen niedergelassenen oder in einer Beratungsstelle tätigen DiplomPsychologen oder einer DiplomPsychologin über die speziellen Fähigkeiten und Probleme des Kindes ist hierbei oft nützlich (…).

In den weiteren Jahrgangsstufen der Grundschule und der weiterführenden Schule gibt es ein breites Repertoire an Möglichkeiten, hochbegabte Kinder in der Schule besonders zu fördern, zum Beispiel durch das Überspringen von Klassenstufen oder zusätzliche Angebote im regulären Unterricht. (…)

 

Förderung in der Schule

Die Erkenntnis, dass hochbegabte Kinder in der Schule häufig zusätzliche und etwas andere Angebote und Lernmöglichkeiten benötigen als durchschnittlich begabte Kinder, hat sich inzwischen in vielen Schulen durchgesetzt. Viele Lehrerinnen und Lehrer stehen dem Thema Hochbegabung sehr aufgeschlossen gegenüber und bemühen sich, den besonderen Bedürfnissen hochbegabter Schülerinnen und Schüler in ihrem Unterricht entgegenzukommen. Generell sollte daher jede reguläre Grundschule auch für hochbegabte Kinder geeignet sein. Wenn Sie die Wahl einer besonderen Schule, zum Beispiel in privater Trägerschaft, erwägen, prüfen Sie genau, ob das Konzept der Schule auch zu den intellektuellen Fähigkeiten und Interessen Ihres Kindes passt. Während einige reformpädagogische Ansätze eine sehr gute Förderung für Ihr Kind darstellen können, ist das bei einigen anderen Ansätzen höchst fraglich. So sind etwa Schulen, die sich stark an der klassischen Waldorfpädagogik orientieren, für intellektuell hochbegabte Kinder und Jugendliche in aller Regel keine gute Wahl, da hier intellektuelle Inhalte zu wenig Raum erhalten.

Suchen Sie das Gespräch mit der Klassen- oder Fachlehrkraft Ihres Kindes, wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind in der Schule noch nicht ausreichend gefördert wird. Fragen Sie den Lehrer oder die Lehrerin nach seiner bzw. ihrer Einschätzung und übermitteln Sie ihm oder ihr auch Ihren Eindruck von der Situation Ihres Kindes. Überlegen Sie dann gemeinsam, wie sich die Situation für Ihr Kind verbessern lässt. Wenn Sie eine konstruktive und respektvolle Zusammenarbeit mit der Schule erreichen können, ist das die beste Grundlage für eine gute schulische Förderung Ihres Kindes.

Manchmal entstehen jedoch trotz guter Absichten Konflikte zwischen der Schule und den Eltern, zum Beispiel weil unterschiedliche Einschätzungen zu den Fähigkeiten oder zum Verhalten des Kindes auf beiden Seiten vorliegen. Bemühen Sie sich auch in diesen Fällen zunächst weiterhin um einen konstruktiven und offenen Austausch. Sollten Sie so nicht weiterkommen und die Schule nicht auf Ihre Argumente und Anliegen eingehen, können Sie sich an den Schulpsychologischen Dienst wenden und um Vermittlung in diesem Konflikt bitten.

Was können Sie sonst noch bei Konflikten mit der Schule tun?

 

* Halten Sie zu Ihrem Kind, wenn es ungerecht und verständnislos behandelt wurde. Versuchen Sie ihm aber auch klarzumachen, warum es die Lehrerin oder der Lehrer schwer hat – und die Mitschülerinnen und Mitschüler vielleicht auch.

* Versuchen Sie, Probleme, die Ihr Kind mit einem Klassenkameraden hat, mit diesem Kind, dessen Eltern und dem Lehrer oder der Lehrerin zu regeln.

* Beteiligen Sie Ihr Kind an allen Entscheidungen bezüglich der Schule. Machen Sie nichts über seinen Kopf hinweg.

* Wenn die Situation für Ihr Kind in der Schule ganz verfahren ist und Gespräche mit den Lehrerinnen und Lehrern nicht mehr weiterführen, kann auch über einen Schulwechsel nachgedacht werden. Manchmal hilft es, in einer neuen Umgebung noch einmal neu anzufangen. Da Kinder meist in ihrer Klasse bleiben möchten, sollte diese Lösung nur in äußersten Notfällen gewählt werden.

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Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Begabte Kinder finden und fördern. Ein Ratgeber für Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer. Bonn, Berlin 2010, S. 33-46

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